Der Zyklus als 5. Vitalzeichen: Was er über Ihre Gesundheit verrät

Warum Frauenärztinnen und -ärzte in den USA die Regel heute genauso ernst nehmen wie Blutdruck oder Puls
Neulich erzählte mir eine Patientin, sie habe ihre Regelschmerzen all die Jahre einfach hingenommen, weil sie noch nie jemand ernsthaft danach gefragt hat. Leider begegnet mir das in der Praxis immer wieder. Dabei verrät der Zyklus einiges über Ihren Hormonhaushalt, Ihre Fruchtbarkeit und sogar über Stoffwechsel- oder Stressbelastungen. Der amerikanische Berufsverband der Frauenärzte, das ACOG, empfiehlt sogar, ihn genauso selbstverständlich zu erfassen wie Blutdruck oder Puls. Ein guter Anlass, einmal genauer hinzuschauen.
Mehr als nur Blutung
Ich sehe den Zyklus gerne als eine Art Nachrichtendienst Ihres Körpers. Veränderungen in Länge, Stärke oder Begleitbeschwerden erzählen oft schon früh von hormonellen, stoffwechselbedingten oder seelischen Themen, lange bevor andere Symptome auftauchen. Wer diese Nachrichten liest, statt sie zu überhören, kann frühzeitig gegensteuern, statt erst dann zu handeln, wenn schon mehr dahintersteckt.
Was normal ist, und was nicht
Als grobe Orientierung gilt: ein Zyklus zwischen 24 und 38 Tagen, eine Blutung von zwei bis siebenTagen. Weicht Ihr Rhythmus davon ab, ist das erst mal kein Grund zur Sorge, aber ein triftiger Grund für einen zweiten Blick. Mir fällt in Gesprächen oft auf, wie wenig Frauen ihren eigenen Zyklus kennen, einfach weil nie jemand nachgefragt hat.
Warum mir das in der Praxis so wichtig ist
Immer wieder sitzen Frauen bei mir, die starke Schmerzen, unregelmäßige Blutungen oder ausbleibende Perioden über Jahre für normal gehalten haben, als gehöre das eben zum Frauseindazu. Normal ist, dass Sie sich während der Menstruation nicht topfit fühlen oder vielleicht keine Lust auf Trubel und Gesellschaft haben. Nicht normal sind Schmerzen, starke Stimmungsschwankungen oder Beschwerden, die Sie in Alltag und Arbeitsfähigkeit einschränken. Das ist Anlass, nach den Ursachen zu forschen, denn was sich hier zeigt, hat seinen Ursprung meist woanders, oft in Stress, Ernährung oder Schlaf. Und so können wir dann gemeinsam an den Ursachen arbeiten, statt nur an Symptomen herumzudoktern.
Ihr erster Schritt: einfach beobachten
Mein Tipp: Lernen Sie Ihren Zyklus kennen. Notieren Sie ein paar Monate lang Zyklusdauer, Blutungsstärke und was Sie sonst bemerken, im Verlauf des Zyklus, rund um den Eisprung, vor und nach der Menstruation. Wann geht es Ihnen gut, wann eher nicht, wann wird es spürbar besser? Ein kleines Heft reicht dafür völlig, oder Sie nutzen eine der mittlerweile zahlreichen Zyklus-Apps, etwa Clue, eine in Berlin entwickelte App, die als Medizinprodukt zertifiziert ist und großen Wert auf Datenschutz legt. Diese Aufzeichnungen sind Gold wert für Ihre Gesundheit, ganz gleich, ob Sie damit zu mir kommen oder zu Ihrer Frauenärztin.
Ihr Zyklus hat einiges zu erzählen. Es lohnt sich, ihm zuzuhören.
Herzlichst,
Ihre Sabine Spielberg




